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Komm, meine Freundin - Predigt

Predigt im Gottesdienst zur Feier einer zwanzigjährigen lesbischen Lebenspartnerinnenschaft (Persönliches und Ortsname sind aus verständlichen Gründen verändert.)

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Gemeinde, na, und ich sage es einfach gerne:
Liebe Doris und liebe Karin!

Das ist ja nun schon ein denkwürdiger Tag und ein denkwürdiger Gottesdienst. Ihr habt uns eingeladen, mit Euch als zwei Lebenspartnerinnen zwanzig gemeinsame Jahre zu feiern. Und ein Gottesdienst steht hier am Beginn, das ist noch denkwürdiger; vorgeschlagen habt Ihr zudem, ich solle doch als biblische Grundlage meines Nachdenkens das Hohelied Salomos heranziehen. Also, wenn das keine Herausforderung ist! Und ich habe gern zugesagt zu kommen und zu feiern und dann erst: auch noch zu predigen. Das liegt natürlich an Euch. Ich mag Euch, habe Teile Eurer Zeit mitbekommen und weiß auch selber, was es heißt, eine Beziehung zu leben. Woher wir uns kennen ist schnell gesagt: Doris war ja mal eine westfälische Pfarrerin, und ich wollte bewusst auch wegen Dir, Doris, in die Gemeinde in K. Damals einte uns u. a. das gemeinsame Engagement in der Friedensarbeit. Dass uns noch viel mehr verband und verbindet, wusste ich zumindest damals noch nicht. Und Karin war in der gleichen Region Mitarbeiterin bei der Diakonie. Zwei Frauen im Pfarrhaus: ich kriegte alsbald was mit von den Vermutungen und dem Gerede darüber. Gemeinden sind ja durchaus interessiert am Leben Ihrer Pfarrerinnen und Pfarrer. Und wir reagieren ja auch drauf: mit dem Versuch, unser privates Leben zu schützen, auch mit unserer Ängstlichkeit. Was sage ich eigentlich, wenn mich mal jemand danach fragt? Wie ziehe ich mich dann aus der Affäre, was ist wohl am geschicktesten zu sagen und was verschweigt Mann und Frau lieber? Verdecktes Leben, bloß nicht auffallen, bloß keinen Anlass zu weiteren Gerüchten geben? Wir lassen das offenbar Gott sei Dank und seinem Wort zumindest heute wiederum ein gut Teil hinter uns. So stehe ich hier also einmal aus der glücklichen Zufälligkeit mit Euch befreundet zu sein, sodann weil ich auch Pastor bin, bestimmt auch, weil ich ebenfalls zu dieser Betroffenengruppe, als die wir ja gemeinhin gelten, gehöre. Doch dazu komme ich später noch einmal.

Sehen wir also zunächst auf diesen schönen Abschnitt der Bibel, das Hohelied. Wer sich schon einmal dem Genuss unterzogen hat, dieses Buch ganz zu lesen, der oder die glaubt den eigenen Augen kaum zu trauen und will zunächst vielleicht auch der eigenen Phantasie Grenzen auferlegen. Sollte das wahr sein, so etwas im heiligen Buch lesen zu können?

"Komm, meine Freundin, meine Schöne komm her" so lässt "ER", der Mann hier, sich vernehmen, "deine Augen sind wie Taubenaugen, deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, du bist wunderbar schön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir." Und auch die Frau weiß ihren Auserwählten zu besingen: " Mein Freund ist weiß und rot, sein Haupt das feinste Gold, seine Locken sind kraus, seine Lippen wie Lilien, seine Finger wie goldene Stäbe und seine Beine sind wie Marmorsäulen, gegründet auf goldenen Füßen." Und deutlich wird's, wonach den beiden der Sinn steht: " Meinem Freund gehöre ich, und nach mir steht sein Verlangen. Seine Linke liegt unter meinem Haupt, und seine Rechte herzt mich." " Vor Liebe krank" sind die Beiden, aufgewühlt in ihrem körperlichen Sehnen nacheinander, und wir lesen das auch uns Bekannte zum Ende hin: " Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so könnte das alles nicht genügen." Ja, in Liebe entbrannt sind unsere Beiden hier, ein Mann und eine Frau, ihr Begehren und das Besingen ihrer Schönheit, so wie sie sich sehen und Empfinden, das steht im Vordergrund. Um Körperlichkeit geht es, um Begehren und Begehrt-Werden, um menschliche Sexualität, um die Freude und die Lust an der und dem anderen.

Das jedenfalls bleibt als Schluss, wenn wir uns historisch-kritisch den Kapiteln nähern. Natürlich, wir wissen ja: lange Zeit hat man das nicht getan. Vielmehr wurde gerade dieses Buch allegorisch verstanden, heißt: das, was da steht und zu lesen ist, ist gar nicht so zu verstehen, sondern geistig. Also: hier muss man alles deuten, heißt das, da geht es vielleicht um die Liebe Gottes zu den Menschen, oder die der Kirche oder seines Volkes zu Gott, oder die von Christus zu den Menschen usf. Und damit tauchen wir ein in die unheilvolle Geschichte der kirchlichen Sexualmoral, der Diskriminierung von Körperlichkeit als Ausdruck sogenannter fleischlicher Begierde, Sexualität als Ausdruck gerade von Erbsünde. Und ich verstehe diesen Versuch zur allegorischen Verbiegung dieses Buches der Bibel auch als Moment der patriarchalen Strukturen damaliger und noch heutiger kirchlicher Zeit. Eros durfte nicht sein, eben nur Agape. Doch ich sehe hier die Liebe zwischen uns Menschen beschrieben als eine der Gottesgaben, die uns geschenkt sind. Damit nehme ich unsere leibliche Welt als Gottes Schöpfung ernst - und mich selber eben damit auch. Darüber mag der Kantus Firmus der Gottesliebe liegen, die uns will und angenommen hat. Aber das führt doch nicht in die Konkurrenz: entweder die gute Gottesliebe oder die schlechte menschliche Begierde. Nein, weil Gott die Welt will, weil er uns ausstattet mit Gaben und Fähigkeiten, weil er uns als ganze Menschen lieb hat, deswegen dürfen wir auch unsere Sexualität, unser Bezogen-Sein auf Mitmenschen, unser Begehren und Begehrt-Werden, unsere Lust und Sexualität in der Welt leben.

Und die Anstößigkeit geht ja noch weiter: offenbar haben unsere beiden Liebenden hier, die ihre Lust aneinander nur so in die Welt hinaussingen, auch noch unterschiedliche Hautfarbe, er nämlich wird als Mann mit brauner Haut beschrieben, und, oh weh, verheiratet sind sie auch nicht, und das scheint auch gar nicht in ihren Köpfen zu sein, noch nicht einmal das Versprechen zur Hochzeit kommt hier vor. Dass das einer Kirche nicht passte, die für sich die Allumfassenheit beansprucht und zur Stützung ihrer Pastoralmacht viele Unterdrückungsmedien gut gebrauchen konnte und kann, leuchtet ein.

Doch wir Evangelischen haben uns ja glücklicherweise scheinbar weiter entwickelt, sind auch mit unseren großen Mystikern leidlich fertig geworden und können zumindest für Eheleute von der guten Gabe der Sexualität in unseren Kirchen reden. Also, die Hetero-Leute sind durchaus inzwischen fein raus. Und Ihr, die Ihr Euch als Frauen zu Frauen hingezogen fühlt und wir als Männer zu Männern? Ihr Lieben, wir haben nach wie vor eher schlechte Karten. Ich will ja nicht larmoyant sein, aber wir müssen uns wohl noch eine Weile damit abfinden, in unseren Kirchen eher als "Betroffenengruppe" vorzukommen. Ich stehe ja hier auch als Betroffener. Und wenn ich das höre, fühle ich mich in einer Mischung gesehen zwischen behindert, krank, bedauernswert und ausgegrenzt. In welcher Zeit lebe ich eigentlich, so frage ich mich durchaus, wenn ich vor nicht langer Zeit aus einer Gruppe höchst ehrenwerter Leute unserer westfälischen Kirche lese, dass man bereit ist mit mir zusammen zu leben, sogar mich als Kollegen zu akzeptieren, nur mit meiner Sexualität sei das so eine Sache. Die müsse ich mir dann eben abschneiden, die darf nicht vorkommen und schon gar nicht im Pfarrhaus. Frei nach dem Motto: Gott liebt den Sünder, aber er hasst die Sünde. Außerdem, so wird mir und uns angelastet, könnten wir das gute kirchliche Leitbild der Ehe durch unsere Lebensform ins Wanken bringen oder zumindest infrage stellen. Wie viel Macht man(n) (und es sind so gut wie ausschließlich Männer, die so was verbreiten) uns doch zutraut - und wie viel Angst man(n) vor uns hat! Ja, so ist das in weiten Teilen noch. Freundlicherweise wird in einem Papier dieser Gruppe noch das hohe künstlerische Engagement vieler Schwulen herausgestellt. Also: Betroffener? Mehr und mehr stört mich dieses Wort, mit dem ich als schwuler Mann scheinbar fürsorglich auch von meiner Kirche noch bedacht werde. Betroffener! Komme ich denn nur als zu beseelsorgendes Objekt vor, will man mich und uns nach wie vor nur so sehen, als hätten wir's besonders nötig und wären mehr oder intensiver als andere der Seelsorge bedürftig? Ich merke inzwischen immer mehr meinen Ärger darüber anwachsen. Ich bin kein Betroffener im Sinne von: behindert, dem fehlt was, der ist der Gnade besonders bedürftig.

Nein, theologisch sind wir das alle: der Gnade bedürftig. Theologisch gilt uns allen die gleiche und bedingungslose Liebe Gottes, und ich lasse die Liebe zu meinem Mann nicht mehr als etwas Schlechteres werten als alle andere Liebe, die Menschen sich zu schenken imstande sind. Dazu hat mich die Freiheit Gottes befreit, er macht meinen Rücken gerade, er hilft mir auf, wenn andere mich klein zu machen versuchen. Daran versuche ich mich zu erinnern, wenn ich selber wieder anfange mich rechtfertigen zu wollen, wenn ich meine, erklären und werben zu müssen darum, dass man mich doch auch in meiner Kirche so akzeptiert wie ich bin.

Dass unsere Kirche sich auch mit dem Segnen gleichgeschlechtlich empfindender Menschen, lesbischer Frauen und schwuler Männer, noch schwer tut, na ja, auch das müssen wir wohl noch eine Weile hinnehmen. Mein Gott, wenn ich sehe, für was und wen wir alles einen Segen bereithalten und offenbar kaum Schwierigkeiten damit haben, dann überkommt mich schon mehr als leises Aufbegehren. Aber kirchliches Leben geht eben langsam voran. Und vielleicht hilft uns mit der Zeit eher eine gesellschaftliche Entwicklung als unsere eigene kirchliche Zählebigkeit.

Doch ich will nicht müde werden, mich an solchen Texten wie diesem hier aus dem Hohenlied zu erfreuen, "denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn." Darauf vertraue ich: Gott will Liebe unter Menschen, er hat sie als aufeinander Bezogene geschaffen und gemeint. Zu lieben sehe und verstehe ich als Auftrag und auch als seinen Willen an. Dem will ich schon gerne gerecht werden. Ich will meiner Bestimmung gemäß leben, so wie ich glaube von ihm gemeint zu sein: mit meiner Liebe zu meinem Mann. Und so wie Ihr gemeint seid: mit Eurer Liebe zueinander als zwei Frauen und mit Eurer Liebe zwischen Mann und Frau.

Ist das nicht ein herrliches Geschenk, lieben zu können, sich als Ergänzung und Aufeinander-Bezogene zu erfahren und zu glauben, dass Gott das so will? Das ist und wird mir immer mehr zur Freude, und zwar in allen Dimensionen meines Lebens: in mir selber und meiner Leib-Haftigkeit, in Beziehungen meiner sozialen Welt, in meiner Arbeit. Ich wünsche Euch beiden, Doris und Karin, auch als Ermutigung für diesen Tag und weit, weit darüber hinaus: leben zu können so, wie Ihr gemeint seid, wie wir gemeint sind.

Gott meint mich so wie ich bin. Das ist sein Auftrag für mich. Wie könnte ich etwas anderes sein wollen?

Amen.

 

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für die schwul-lesbische TheologInnen-Gruppe in der Evangelischen Kirche von Westfalen

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Last Recent Revision: 13.06.2006 | Michael