![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
|
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
|
|
Über uns Leitseite/Home Treffpunkt Kontakt Impressum![]() Texte Unsere Kirche kreuz & queer![]() Service Adressen Hyperlinks |
![]() |
![]() |
![]() |
Unsere Kirche - kreuz und queerAlles ist mir erlaubt - Predigt über 1. Korinther 6; Bochum, 03.08.2000Bibeltext 1. Korinther 6: 9 Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, 10 Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben. 11 Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. 12 Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. 19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? 20 Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe. Liebe Gemeinde, manchmal muss ich richtig schlucken, wenn ich in der Bibel lese. Da schmeißt der Apostel Paulus mit einem locker dahingeworfenen Satz mehr als die Hälfte der Menschheit aus dem Himmel raus: alle Ungerechten sollen dort nicht hinkommen; die Geizigen nicht; die, denen anderes wichtiger ist als Gott; die Unehrlichen; die zu viel Alkohol trinken; die, deren Beziehung zerbricht; die Homosexuellen; die, die Sex im Rotlichtviertel suchen... eine ganz schön lange Liste; und wer ganz ehrlich zu sich selbst ist, findet sich wahrscheinlich selbst irgendwo dazwischen wieder. Was soll das? Der Apostel Paulus war doch selbst nicht perfekt; und jetzt soll der Himmel nur für die Gerechten offen stehen? Das wird ein ziemlich leerer Himmel sein! Aber vielleicht sollten wir uns in der damaligen Gemeinde von Korinth ein wenig umschauen, an die Paulus diese Zeilen geschrieben hat. Korinth war eine Weltstadt am Übergang zur Peloponnes- Halbinsel. Die Griechen dort hatten einen recht lockeren Lebensstil; der Tempel war mit seinen Tempeldirnen und Lustknaben gleichzeitig ein Vergnügungsviertel. Auch viele dortige Christen hatten diesen Lebensstil oder übernahmen ihn. Sie meinten: "Eigentlich sind wir ja schon Bürger in Gottes neuer Welt. Christus hat uns doch schon von unserem irdischen Leib erlöst. Wir sind mit ihm schon auferstanden! - Was wir hier mit unserem Leib machen, hat doch mit Christus nichts zu tun. " Dahinein schreibt der Apostel, ja, ganz eindringlich redet er: "Euer Leib gehört dem Herrn! Wenn ihr an ihm frevelt, tut ihr's dem Herrn an. Euer Leib gehört Christus. Ihr seid teuer erkauft! Und selbst wenn alles erlaubt ist, ist nicht alles gut." Liebe Gemeinde! Ich merke, dass ich auf diese Sätze des Paulus sehr unterschiedlich reagiere: Zum Teil machen sie mich wütend: Ich hasse es, wenn ein Mensch zum anderen sagt: "Du kommst nicht in den Himmel." Menschen, die das sagen, sind meistens so lieblos und hartherzig; sie haben wenig Verständnis für diejenigen, die sich selbst nicht so im Griff haben; sie verurteilen gern und sehen eher jeden Splitter bei den Anderen als die Balken bei sich selbst. Jesus hat sich gerade gegen solche Menschen immer wieder gewandt; Jesus hat sich immer wieder auf die Seite der Schwachen gestellt; zu denen gehalten, denen das Leben nicht so gelungen ist; zu denen, die auf die Nase gefallen sind und die Fehler gemacht haben. Jesus hat immer wieder gesagt, dass sich niemand zum Richter über andere aufspielen soll; dass Gott verzeiht, wie groß auch immer unsere Schuld sein mag. Von daher kann ich mit diesen verurteilenden Versen nichts anfangen; selbst, wenn sie hier in der Bibel stehen. Was mir gefällt, und womit ich auch etwas anfangen kann, das ist V.12: Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. Dieser Satz spiegelt mir die Freiheit eines Christenmenschen: Unsere Religion ist nämlich keine Religion der Vorschriften und Verbote: Ganz im Gegenteil ist das Christentum eher eine Religion der vorbehaltlosen Zusage Gottes: "Du bist geliebt und angenommen, wie du bist. Mit allen Deinen Fehlern, mit allen Deinen Stärken; mit aller Schuld, mit allem Deinem Bemühen. Du brauchst keine Angst zu haben- nicht vor Gott, nicht vor einer Hölle; nicht vor Strafe; nicht vor Verurteilung. Du bist frei; du kannst Dein Leben einrichten und gestalten." Alles ist mir erlaubt- eine riesige Freiheit. Gleichzeitig eine gefährliche Freiheit. Wie schnell komme ich in den Sog, alles tun und probieren zu müssen, was möglich ist. Immer weiter gehen; wie leicht kann ich dem Drang erliegen, alle Grenzen zu testen und zu überschreiten. Was machbar ist, muß auch getan werden. Sei es in der Forschung: mit Genen zu manipulieren; klonen und züchten, ohne einen Überblick über die Spätfolgen zu haben; sei es, nur aus Forschungsinteresse die zerstörerischsten Waffen zu entwickeln; sei es bei der Weiterentwicklung der Fernsehprogramme: die Menschen mit immer stärkeren Reizen vor den Bildschirm zu locken; egal, wie weit das in die Persönlichkeit der Darsteller eingreift, wie weit Menschen vor Millionen von ZuschauerInnen bloßgestellt werden. Freiheit ist eine schöne Sache, doch nicht alles dient zum Guten. Es genügt nicht, darüber nachzudenken, was ich wie schaffen könnte. Ich sollte mir auch Gedanken über den Sinn dessen machen, was ich tue; überlegen, wozu es dient; warum ich das mache, was ich mache. Und das Eine oder Andere könnte ich vielleicht dann auch von mir aus sein lassen und nicht tun: weil ich anderen damit schade; weil ich mir schade; weil ich vielleicht gar nicht aus der Freiheit heraus handele, sondern von einem bestimmten Drang gefangengenommen bin. Ich selbst erlebe das mitunter in einer ganz gewöhnlichen Situation: Zu Hause habe ich eine Satellitenschüssel und ungefähr 40 Fernsehprogramme. Da kann es passieren, daß ich erschöpft nach Hause komme, mich in den Fernsehsessel werfe, die Fernbedienung nehme und zappe. 40 Programme rauf; nichts besonders Fesselndes dazwischen gewesen; also wieder rückwärts gezappt von 40 bis 1. Immer noch nichts; lauter Mittelmäßiges oder Langweiliges; vielleicht ist ja inzwischen auf einem der Kanäle etwas geschehen; also wieder durchgezappt; nach einer Stunde ist mein Kopf wie leergesaugt; ich bin unruhig und nervös; habe das Gefühl, das Wichtigste eigentlich doch verpasst zu haben und mich mit Bildermüll zugeschüttet zu haben. Eigentlich hatte ich alle Freiheit, mit diesem Abend etwas anzufangen; hätte mir aus 40 Programmen etwas aussuchen oder am besten den Apparat auch abschalten können; stattdessen habe ich mich gefangen nehmen lassen- von meiner Fernbedienung; von dem unüberlegten Bedürfnis, etwas besonders Aufregendes, nie Dagewesenes auf dem Bildschirm zu entdecken. Meine Freiheit ist unversehens umgeschlagen in Gefangenheit. Weil ich es versäumt habe, darüber nachzudenken, was gut tut- in diesem Falle MIR gut tut. Meine Freiheit gewinnt ihren Wert erst wirklich, wenn ich sie mit der Verantwortlichkeit zusammenspanne. Liebe Patientinnen und Patienten! Normalerweise rede ich Sie in der Kirche ja nicht so an - als Patientinnen und Patienten, aber jetzt tue ich es einmal ganz bewusst. Früher haben die Ärzte ja gern etwas angeordnet oder verboten: den Alkohol, das Rauchen verboten; gesagt, was Sie machen müssen. Heute weiß jedeR, dass er/sie auch als PatientIn ein freier Mensch ist; Sie können Behandlungen zustimmen oder sie ablehnen; Sie können Diäten einhalten oder sich selbst etwas anderes besorgen; Sie können sich selbst entlassen und gehen. Auch in diesem Zusammenhang bekommt der Satz eine besondere, neue Bedeutung: Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. Ihre eigene Verantwortung ist jetzt viel stärker gefragt als früher. Es kann sich lohnen, darüber nachzudenken: Was tut mir eigentlich gut? Was hilft mir, gesund zu werden? Kann ich selbst vielleicht auch eine Menge dazutun, um wieder auf die Beine zu kommen? Oder muss ich meine Freiheiten um jeden Preis in Anspruch nehmen? Bin ich einE GefangeneR meiner Gewohnheiten? Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, herauszufinden, was Ihnen gut tut; auch, wenn Sie dann vielleicht die eine oder andere Gewohnheit von sich heraus freiwillig aufgeben sollten. Liebe Gemeinde, zum Schluss möchte ich noch auf 3 Worte unseres Predigttextes eingehen, die vielen Menschen weh tun und die ihnen das Leben schwer gemacht haben: es ist von Unzüchtigen, Lustknaben, Knabenschändern die Rede. Auch die sollen ja nach diesen Worten von Gottes Reich ausgeschlossen sein. Dies ist eine der Bibelstellen, die dazu herangezogen wurden und werden, um homosexuell liebende Menschen zu diskriminieren. Noch vorletzte Woche sagte mir ein homosexueller Patient: "Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil ich immer wieder gehört habe, dass man mich so nicht haben will. Eigentlich glaube ich an Gott, und es ist mir auch wichtig, dass ich Christ bin; aber die Kirche will mich ja nicht." Was hat es auf sich mit diesen Bibelstellen, die homosexuelle Praktiken verurteilen? Wir müssen da den Apostel Paulus als ein Kind seiner Zeit verstehen: Er ging davon aus, dass alle Männer, die zu den Lustknaben im Tempel gingen, eigentlich heterosexuell waren. Sie suchten also nach einer oberflächlichen Befriedigung ihrer Lust und wandten sich obendrein noch in der geschlechtlichen Vereinigung fremden Götzen zu. Von der Liebe zwischen 2 Männern oder zwischen 2 Frauen ist in der Bibel nicht die Rede. Erst im 19. Jahrhundert haben Psychologen überhaupt herausgefunden, was Homosexualität ist und dass es sie gibt. Erst seit ca. 30 bis 40 Jahren ist überhaupt erkannt und bekannt, dass eine Beziehung zwischen 2 Frauen oder 2 Männern sich genauso entwickeln kann wie zwischen Mann und Frau und genauso intensiv und verantwortungsvoll sein kann. In der Bibel ist zur Homosexualität also genauso wenig gesagt wie zum Fernsehen und zum elektrischen Strom, weil die Schreiber der Bibel nichts davon wussten. Sie kannten nur scheinbar heterosexuelle Männer, die sich mit anderen gegen ihre eigene Natur abreagierten. Heute können wir mehr wissen, wenn wir uns möglichst vorurteilsfrei informieren. Zur Zeit gibt es ja die Auseinandersetzung darüber, ob gleichgeschlechtliche Partnerschaften anerkannt und mit gleichen Rechten und Pflichten ausgestattet werden sollen. Konservative Kräfte meinen, dass die Kirchen sich gegen die Rechte gleichgeschlechtlich liebender Menschen einsetzen sollten. Teilweise geschieht das auch. Aber hier in Bochum hat z.B. der ev. Fachausschuss "Seelsorge und Beratung" bereits 1996 sich dafür eingesetzt: Wir sind hier von der Bochumer Ev. Kirche der Meinung: "Homosexualität und Heterosexualität haben das gleiche Recht, gelebt zu werden. Kirche versteht sich als Glaubensgemeinschaft heterosexuell und homosexuell begabter Frauen und Männer. Sie verpflichtet sich, auch weiterhin die offene Begegnung mit homosexuellen Frauen und Männern zu suchen. Sie setzt sich dafür ein, dass die gesetzlichen Grundlagen für die gesellschaftliche Gleichberechtigung homosexueller Menschen geschaffen werden. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften müssen die gleichen Möglichkeiten zur rechtlichen Ausgestaltung ihrer Lebensgemeinschaften erhalten wie heterosexuelle Paare. Dazu gehören auch der Abbau von Benachteiligungen in der Arbeitswelt, im Mietrecht und im Erbrecht sowie ein Asylrecht für Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden." Liebe Gemeinde! Auch, was das Thema "Homosexuelle Liebe" angeht, sollten wir uns den V. 12 in Erinnerung rufen: Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. Nach den mir gegebenen Möglichkeiten soll ich andere Menschen lieben, so dass es uns beiden und auch anderen zum Guten dient. Egal, ob das nun ein Mann oder eine Frau ist. Amen.
|
|
copyright © 2000 - 2006 Michael Schröder, dortmund.gay-web.de hosted by gay-web e. V., Hamburg Last Recent Revision: 13.06.2006 | Michael |
||||